Unterwegs mit dem Wind
von Wolgast auf den Högakull

Juli 2026

Mit dem Wind ... 


… mal etwas später zur Arbeit unterwegs gewesen. Auf der Zeltplatzstraße, kurz hinter dem kleinen Kreisverkehr in Trassenheide, bewegte sich eine Familie auf ihren Rädern in Richtung Zinnowitz. Die Mutter auf einem alten Hollandrad und der Vater mit einem Kinderanhänger an seinem ebenfalls in die Jahre gekommenen Bike legten ein gemächliches Tempo vor. Eskortiert wurde das Gespann von einem vier- oder fünfjährigen Radler im Deutschlandtrikot, der kräftig in die Pedale seines Kinderrades trat. Ich klingelte und reduzierte mein Tempo, um den Zwerg auf seinem Rad beim Überholen nicht zu gefährden.
Während sich die Eltern bereitwillig von der Mitte der Straße an den rechten Fahrbahnrand bewegten, gab der Junior kräftig Gas und setzte sich mit seinem Minirad an die Spitze des Trios. Ganz schön flott unterwegs, dachte ich und wollte beim Überholen ein entsprechendes Lob an den jungen Mann bringen. Aber dazu sollte es nicht kommen.
„Du hast ein Elektrofahrrad! Du Schummler! Das gildet nicht!“, brüllte der Zwerg, während er so heftig in die Pedale trat, dass sein kleines Rad ins Schlingern geriet.
Ich war sprachlos. Für einen Moment. Dann versuchte ich, mich zu verteidigen. „Das ist kein E-Bike. Ich trete ganz allein!“, rief ich dem Mini-Biker entrüstet zu, während sich seine Eltern vor Lachen krümmten. So, das hatte gesessen! Zumindest kam kein Widerspruch, und ich nahm wieder Tempo auf.
Auf den letzten beiden Kilometer meines Arbeitsweges musste ich allerdings ordentlich schmunzeln. Das kleine Energiepaket auf zwei Rädern hatte ja irgendwie doch recht. Das Rad des Zwergs war viel kleiner als meines, besaß selbstverständlich keine Schaltung und war wahrscheinlich sogar noch schwerer, als mein Highend-Carbonrenner. Dazu meine längeren Hebel, mehr Muskelmasse, jahrelanges Training und – ich war gedopt. Zwei Tassen Kaffee mit der entsprechenden Menge Koffein zum Frühstück. Richtig geschummelt hatte ich nicht. Aber von einem fairen Vergleich konnte auch nicht die Rede sein.
Aber was ist schon fair? Genaugenommen ist doch jeder Vergleich von Leistung fragwürdig. Alter, körperliche Voraussetzungen, soziale Herkunft, finanzieller Background, persönliche Lebensumstände oder individuelle Stärken und Schwächen – es gibt so unendlich viele Parameter, die uns als Menschen ausmachen, dass ein Vergleich unter- oder miteinander immer eine mehr oder weniger große Portion Ungerechtigkeit enthält.
Nicht mal, wenn wir uns nur an uns selbst messen, klappt das mit einem fairen Vergleich. Kein Tag ist wie der andere. Oder sind Sie jeden Morgen mit der gleichen körperlichen und geistigen Frische am Start? Dann herzlichen Glückwunsch! Sie sind ein Übermensch!
Ein fairer, realistischer und eindeutiger Leistungsvergleich gelingt nur bei Maschinen oder Robotern. Da kennen wir alle Parameter und können sie in Relation zueinander setzen. Bei uns Menschen funktioniert das zum Glück nicht.
Und deshalb bin ich der Meinung, dass Schummeln eigentlich gar nicht verwerflich ist, solange es dabei um unser persönliches Wohlbefinden und nicht gegen andere geht. Ein bisschen Make-Up am Morgen, der E-Antrieb am Rad, eine Tasse Kaffee zwischendurch oder die Musik auf den Ohren, mit der alles leichter von der Hand geht. Das ist kein böses, unfaires Schummeln, sondern macht uns zu glücklicheren Menschen. Gilt übrigens auch und ganz besonders für das ein oder andere Gebet mit der Bitte um Unterstützung.
Ich finde ein bisschen Wellness-Doping-Schummelei gehört einfach dazu, damit wir den Alltag gut meistern können. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erholsamen Schummel-Sommer!